Details zur Veranstaltung

Heimatkunde - Wind, Wellen und Licht - © Gerhard Henkelmann
Heimat

Heimatkunde - Wind, Wellen und Licht

Ausstellung von Julius-Paul Gerhardt

Ausstellung

09.03.2017 - 23.04.2017

Julius-Paul Gerhardt, fotographischer Zeuge des phantastischen Spiels von Wind, Wellen und Licht, zeigt in dieser Ausstellung Bilder von seiner Heimat.
Er setzt bekannte Gebäude und Orte Nürnbergs, wie den Fernsehturm oder das Dokuzentrum durch Spiegelungen auf dem Wasser neu in Szene.





Eröffnungsrede der Ausstellung


Kaum Photoshop! Das möcht ich gleich klarstellen. Alles, was da so verbogen und verzerrt daherkommt, verdankt sich allein dem Spiel von Wind, Wellen und Licht. Mit dem Bildbearbeitungsprogramm schärfe ich manchmal nach und gebe Helligkeit dazu, wenn das Wasser allzu viel Licht geschluckt hat. Der Rest ist einfach ein Geschenk. Da kann man auch kaum gestalterisch eingreifen. Entweder es passt, oder es passt nicht. Ich erinnere mich an einen Nachmittag, an dem ich tatsächlich genau 1000 Fotos vom Fernsehturm geschossen _ und danach genau 1000 Fotos gelöscht habe _ und an beseligende 10 Sekunden, in denen ich rund ein Dutzend Fotos gemacht habe und ein jedes war besonders und bezaubernd. Meine Bilder sind eher eine Frage der Ausdauer, der Geduld und des Glücks, als des künstlerischen Gestaltungswillens. Ein Geschenk des Wetters. Da gibt es leider nichts zu beschönigen.

Heimatkunde! Schon von Anfang an, weit vor jedem Gedanken an eine Ausstellung, war mir der Titel völlig klar. Der war einfach immer schon da. Heimatkunde! So sollte sie heißen. „Warum kein peppigerer Name? Vielleicht was Englisches wie „Reflections on Nuremberg“ oder so?“ Wenn man mich das vor zwei Wochen gefragt hätte, dann hätte ich wohl noch geantwortet: „I weiß net, des g´fällt mir halt!“
Aber letzte Woche beim Kochen – es gab Spaghetti – da ist es mir eingefallen.
Geboren wurde ich in einem kleinen schwäbischen Dorf zwischen Donauwörth und Augsburg. Der Ortskern, wo die Eingeborenen hausten, wurde nach dem Krieg an allen Ecken und Enden von Neubausiedlungen umstellt wie das kleine gallische Dorf von römischen Garnisonen. Dort wohnten wir, die sog. „Flichtling“, manchmal auch „dia Huara-Flichtling“ genannt, wir Sudeten, Egerländer, Schlesier, Russlanddeutschen und „der Deibel wiss, wer noch“, wie meine Oma es immer zusammengefasst hat.
Meine Familie stammt aus einem kleinen Dörflein in der Weite der ukrainischen Ebenen, wohin sie im 18. Jahrhundert ausgewandert sind. Omas Familie wurde im 1. Weltkrieg nach Sibirien verschleppt, wo sie in den Wirren der Russischen Revolution fast völlig ausgelöscht wurde. Das war Omas erster Verlust der Heimat. Im 2. Weltkrieg verlor sie diese Heimat dann endgültig wegen Umsiedlungsmaßnahmen im Rahmen des Hitler-Stalin-Pakts. Als Oma und Opa im Begriff waren sich ein neues Leben an der Warthe aufzubauen, kam der Russe. Auf der Flucht mit Wagen und Pferdchen wurden sie von der Front buchstäblich überrollt.
Wenn ich heute in meiner Arbeit mit Flüchtlingen manchmal etwas unempathisch daher komme, dann hat das im Schicksal meiner Oma seine Ursache.
Wie dem auch sei: der Begriff Heimat war immer schon untrennbar verbunden mit dem Fleckchen Erde in der Ukraine. Davon erzählte die Oma ununterbrochen. Und ich, der ich bei ihr aufwuchs, wurde mit Geschichten darüber regelrecht zugeschüttet.
Was habe ich über Heimat von der Oma gelernt? Zuallererst, dass das kleine schwäbische Dorf, das sich uns ebenso banal wie unidyllisch einfach darbot in erschreckender Klarheit und Unzweideutigkeit, dass dieses Dorf den Ehrentitel „Heimat“ nicht verdient. Heimat, das bleibt der unwiederbringlich verlorene Sehnsuchtsort irgendwo weit weg im Osten.
Von der Heimat gab es keine Fotos. Wollte ich einen Blick in die Heimat werfen, dann musste ich mir davon selbst ein Bild machen in meiner Phantasie, die den beständigen Strom von Erzählungen begleitete, die die Oma ausstieß wie eine unerschöpflich sprudelnde Monster-Quelle. Heimat konnte ich nur gespiegelt in den Erzählungen der anderen aufscheinen sehen. Ein ständiger Wechsel von Akzentverschiebungen, Verzerrungs- und Fokussierungsproblemen.



Die Heimat war nie ein gestochen scharfes Bild. In einem Moment ein Idyll, im nächsten ein schauriger Alptraum. Dazwischen konnte alles Mögliche liegen. Heimat, das bleibt ein Blick ins Kaleidoskop, in dem sich das Bild in immer neuen Mustern und Formen kurzfristig manifestiert, um sich im nächsten Augenblick unvorhersehbar zu verwandeln.
Heute schlendere ich an den Ufern von Pegnitz und Main-Donau-Kanal entlang und lichte meine Wahlheimat in den Fotos ab, die ich in dieser Ausstellung zeige. Ich glaube, ich muss die Parallele nicht weiter ausführen. Jeder versteht, was ich da tue _ außer meine Erzfeinde die Enten, die oft angeschossen kommen, wenn ich an einen Gewässerrand trete, und mir die schöne Wasser-Spiegel-Oberfläche wild schnatternd unbrauchbar zerpflügen. Sie meinen, der Mensch trete stets nur zu einem einzigen Zweck an ein Ufer: um Futter für sie hinein zu streuen. Aber das tut er nicht, ihr dummen Tiere! Manchmal ist er unterwegs auf der Suche nach etwas Verlorenem, das er in einer Art Sisyphos-Arbeit vor dem völligen Untergang zu bewahren versucht. Aber das kapieren die blöden Enten einfach nicht _
Ein anderer, ebenso wichtiger Aspekt meiner Art zu fotografieren ist das Problem der Wirklichkeit. Was ist real?
Stellen wir uns vor, jeder von uns sollte im Laufe eines Jahres ein Foto des Fernsehturms machen, das dann als Grundlage einer großen Diskussion dient zur Frage: Wer oder was ist der Fernsehturm? Nehmen wir weiter an, dass viele, angeregt durch diese wunderbare Ausstellung, dieses Foto so schießen würden wie ich: als Spiegelung im Wasser. Was gäbe das wohl für eine Diskussion? Und zu welcher Entscheidung kämen wir?
So wie sich der Fernsehturm in vielen verschiedenen Formen präsentiert, weil das Wasser des Main-Donau-Kanals ihn in immer neuen Brechungen als ein stets Anderer präsentiert, so werden alle Phänomene dieser Welt in unserer Wahrnehmung gebrochen durch unsere persönlichsten Vorerfahrungen, oder poetischer: durch die raue Oberfläche unserer aufgewühlten Seelen.

Das meiste, was wir über die Welt zu sagen haben, ist nicht viel mehr als: Auch das bin irgendwie ich. Unserer Weltwahrnehmung ist stets eine gehörige Portion Selbstwahrnehmung beigemischt: wir erkennen nicht die Welt, sondern machen sie uns durch unseren zauberischen Seelenspiegel ähnlich.
Jetzt werden die Schlauen unter uns natürlich einwenden: „Ja, dann glotz halt net in den blöden Kanal, sondern guck nauf! Da isser doch, der Fernsehturm!“
Was soll man ihnen darauf erwidern. Sie haben ja Recht. Und bis vor Kurzem war auch ich ein unversöhnlicher und mitleidloser Vertreter der „Guck halt nauf-Fraktion“.
Aber _! Seit einiger Zeit regt sich in mir ein schüchternes „Aber!“ Und das hat mit meinen Fotos zu tun. Meine Fotos gefallen mir einfach viel viel besser als die deprimierende Wirklichkeit des Nürnberger Fernsehturms. Nie würde ich auf die Idee kommen den realen Fernsehturm zu fotografieren. Die Wirklichkeit ist langweilig, die Wirklichkeit ist ernüchternd, die Wirklichkeit ist hässlich. Und so ist die Welt insgesamt, finde ich. Die sogenannte Welt ist die Summe aller Dinge, die nicht mit uns teilen. Schon Rilke wusste: „Das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang“. Die Schöpfung steht uns letztlich fremd und unversöhnlich gegenüber: hinter jedem atomaren Kleinstteilchen versteckt sich ein weiteres, noch kleineres atomares Kleinstteilchen; dunkle Materie umwabert uns; Wellen und Teilchen treiben ein munteres Verwirrspiel und hinter jedem Milliarden Jahre entfernten Urknall ein schwarzes Loch und hinter jedem schwarzen Loch ein Milliarden Jahre entfernter Urknall. Und weil das alles letztlich mit mir überhaupt rein gar nichts zu tun hat, deshalb brauche ich die Kunst.
Nur wenn ich mich in der Welt wiederfinde, bin ich für einen Augenblick lang geborgen und glücklich. Was bleibt mir also anderes übrig als zu tricksen: nicht direkt hinsehen, sondern in den Kanal hinein fotografieren. Auf diese Weise mache ich mir die Welt zu einem angenehmen Ort. Ich hause mich in ihr ein. Ich hauche ihr meine Seele ein. So mache ich sie zu meiner _ Heimat.

Natürlich ist das keine Haltung, die man immer an den Tag legen darf. Um alltagstauglich zu bleiben, müssen wir auch eine allen zugängliche Wirklichkeit parat haben, also den Kopf heben und den realen Fernsehturm ins Auge fassen. Aber zwischendurch, in privaten Augenblicken, an einem Donnerstagabend im Frühmärz vielleicht, da können wir uns so einen Spleen schon mal durchgehen lassen.
Lasst also eure Seelen baumeln, und habt einen netten Abend in der Ausstellung Heimatkunde auf der Suche nach euerm Fernsehturm, euerm Norikus, euerm City-Tower und euerm Linde-Gastank auf_m Gelände vom Uli Hoeness seiner Wurschtfabrik.
Ich freue mich wirklich sehr, dass ihr da seid!

Kontakt: Tel. 09 11 / 2 31- 1 43 40

Ort:
südpunkt
Pillenreuther Str. 147
90459 Nürnberg
Anfahrt mit der vgn

Der Eintritt ist frei

Veranstalter:
Amt für Kultur & Freizeit, KUF im südpunkt

Öffnungszeiten:
So: 09:00 - 21:00 Uhr
Mo: 09:00 - 21:00 Uhr
Di: 09:00 - 21:00 Uhr
Mi: 09:00 - 21:00 Uhr
Do: 09:00 - 21:00 Uhr
Fr: 09:00 - 21:00 Uhr
Sa: 09:00 - 21:00 Uhr


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